Millennials ticken bekanntlich anders. Was macht Sie also aus als Kulturmanagerinnen und Kulturmanager der nächsten Generation? Schließlich ist keine andere Kohorte zuvor so gut und so spezifisch für den Kulturmarkt ausgebildet worden wie die Kinder der 1980er Jahre. Es ist eine Generation, die als kreativ, selbstbewusst und teamorientiert gilt und doch nichts weniger will als die Welt zu verändern. Was treibt sie an, was will sie anders machen als die Kulturmanager vor ihr?

HILDESHEIM IST ÜBERALL

KARRIERE-BLOG

 

Nach dem erfolgreichen Studienabschluss ziehen die Absolventinnen und Absolventen der Hildesheimer Kulturwissenschaften in die weite Welt hinaus. Was sie dort heute machen, wie sie auf ihre Zeit in Hildesheim zurückblicken und welche Tipps sie den Hildesheimer Studierenden mit auf den Weg geben, schildern sie in ausführlichen Interviews auf dem Blog Hildesheim ist überall" .

 

Der Blog, der im Auftrag der Universität Hildesheim entstanden ist, bietet Studierenden eine erste Möglichkeit zur Berufsorientierung und ist ebenso spannend zu lesen für Alumnae und Alumni. Idee, Konzeption und Umsetzung des Blogs lagen vollständig in meiner Hand. Für die freundlichen und erkenntnisreichen Gespräche darf ich mich bedanken bei:

  • Katharina Guntermann,

  • Diana Hillesheim

  • Julia Naetsch,

  • Tamara Schmidt,

  • Jo Schneider und

  • Susanne Stephani.

www.hildesheim-ist-überall.de

Die alten Kulturdinosaurier treten von der Bühne ab: Mit Frank Castorf und Claus Peymann verabschiedeten sich 2017 zwei prominente Vertreter der Klaus-Kinski-Generation. Zeit zu fragen, wie es eigentlich dem Kulturmanagement-Nachwuchs geht. Ein – überwiegend satirischer – Blick der Generation Y auf den alltäglichen Irrsinn im deutschen Kulturbetrieb

 

I. MEHR DEMOKRATIE WAGEN

 

Unsere Eltern sind Alt-68er. Oder zumindest unsere Lehrerinnen und Lehrer waren es. Die Ideale von Mitgestaltung und Mitbestimmung sind unserer Generation daher längst in die DNA übergegangen. Dennoch würden wir uns wahrscheinlich eher in einer betriebsinternen Arbeitsgruppe zur Anschaffung einer neuen – selbstverständlich nachhaltig-umweltfreundlichen – Kaffeemaschine einbringen als jemals einer Gewerkschaft beitreten. Denn Gewerkschaften wie auch Parteien und die Kirche – zumindest die katholische – sind für uns anachronistische Monster-Organisationen, die im Verdacht stehen, patriarchal regiert zu werden. Und, das liebe Hippie-Mütter und Hippie-Väter, haben wir ja gelernt, ist ganz sicher der falsche Weg. 

 

Bei aller Skepsis gegenüber dem Sinn und der Effektivität von Personal- und Betriebsräten hegen wir hingegen große Sympathien für basisdemokratische Abstimmungsverfahren; sind wir doch jene Generation, die wie kaum eine andere zuvor Stadt- und Landesparlamente zu Volksabstimmungen gezwungen hat. Wenn man es genau recherchieren würde, käme vermutlich zutage, dass der Sieg über das Tempelhofer Feld das Ergebnis eines erfolgreichen Feldzugs einer gut organisierten Armada von jungen Kulturmanagern ist, ausgebildet in westdeutschen Kulturmanagement-Studiengängen in Hildesheim, Lüneburg oder Passau. 

Ein in diesen Kreisen viel zitiertes Beispiel, wie Basisdemokratie auch in etablierten Kultureinrichtungen erfolgreich praktiziert werden kann, sind die Berliner Philharmoniker. Bei diesem Spitzenensemble wählen die Orchestermusiker bekanntermaßen in direkter Abstimmung ihren Chefdirigenten. Wenn es dann mit der Wahl nicht gleich auf Anhieb klappt, wie bei den zunächst erfolglosen Wahlgängen im Sommer 2015, ist das nicht weiter schlimm, sondern in unseren Augen der Beweis, wie gut dieses Prinzip funktioniert.

Denn, wenn man schon einen neuen Diktator bekommt, dann soll dieser zumindest von den Untertanen legitimiert worden sein. Während die Suche damals entsprechend dem Reglement in die Verlängerung ging, haben die Philharmoniker in der Zwischenzeit einfach noch ein paar Konzerte gespielt. Aber überhaupt niemand wäre auf die Idee gekommen, nun den Untergang dieses Ausnahmeklangkörpers zu prophezeien oder etwa den Wahlmodus zu reformieren. 

 

Derartige basisdemokratische Verfahren wünschen wir uns in allen öffentlichen Kultureinrichtungen in Deutschland. Warum soll sich nicht der beste Mann, die beste Frau mit dem besten Konzept durchsetzen? Zu oft werden landauf, landab kulturelle Schlüsselpositionen in staubigen Amtsstuben per Dekret besetzt. Paradebeispiel war hier in jüngerer Vergangenheit immer wieder Berlin, wo zuletzt im politischen Hinterzimmer die Intendanz der weltberühmten Volksbühne an einen belgischen Kurator vergeben wurde.

 

Doch selbst der öffentliche Widerstand der Kulturdinosaurier rund um Claus Peymann hat nicht geholfen. Wer fragt, warum es nicht auch von uns Jungen einen Aufschrei gab, der muss sich nur vor Augen führen, wie alt wir waren als „die“ Volksbühne ihren künstlerischen Höhepunkt hatte. Viele von uns spielten damals zwar bereits nicht mehr im Sandkasten, sondern aber vielleicht sehr wohl noch „Super Mario Kart“.

"Ein neuer Diktator sollte zumindest von den Untertanen legitimiert 

worden sein"

 

II. SHARING IS CARING

  

Zwanzig Jahre später sind wir, auch während wir arbeiten, ganz selbstverständlich online – bei Facebook, Twitter, Instagram oder Tinder. Das finden wir normal und wundern uns in regelmäßigen Abständen, warum auf unseren Dienstrechnern eigentlich die Installation von Dropbox und Skype verboten sind. Edward Snowden kann doch gerne das nächste Regie-Konzept von Herbert Fritsch oder Michael Thalheimer „lecken“! Wir denken uns heimlich sowieso schon längst, dass das bei denen eh alles immer irgendwie gleich aussieht.

 

Wir sind nicht nur die am besten ausgebildete Kulturmanager-Generation in der Geschichte der Bundesrepublik, sondern zugleich auch die erste wirklich digital-vernetzte Absolventenkohorte auf dem Arbeitsmarkt. Während unseres Studiums haben wir StudiVZ groß gemacht. Von unserem „Gruscheln“ hat sich einer der StudiVZ-Gründer einen Audi R8 gekauft. Das glauben wir so genau zu wissen, weil sich die StudiVZ-Zentrale lange Zeit neben unserem Fitness-Studio-Discounter im Prenzlauer Berg befunden hat. Für uns ist der digitale Raum keine Paralleluniversum, sondern Teil des täglichen Lebens. Unsere Chefs wissen schon, was Facebook und Twitter sind. Immerhin. Kennen Sie aber auch Instagram und Snapchat? Wir fragen lieber gar nicht erst.

Unsere Chefs haben, wenn auch zögerlich, erkannt, dass moderne Kultureinrichtungen heute auf diesen Plattformen präsent sein müssen. Wenn in den vergangenen Jahren in Kulturorganisationen neues Personal eingestellt worden ist, dann meistens für „Online-Kommunikation“ – ein beliebtes Arbeitsfeld für Kulturmanagerinnen und Kulturmanager unter 30. Alle anderen Positionen im Kulturbetrieb sind ja bis zur Rente erst einmal vergeben.

 

Jedoch wird meist in Kulturbetrieben in den Social Media aktionistisch und viel zu wenig strategisch gearbeitet. Soziale Plattformen werden vor allem erratisch bedient, je nachdem welches soziale Medium zuletzt in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ gehypt wurde oder welche App die Nichte des Chefs gerade auf ihrem Smartphone hat.

"Eine virale Marketing-Kampagne mit Flash Mob? Das ist so Generation X."

Fragt man dann aber, ob der Chef der Galerie, in der man seit drei Jahren arbeitet, schon den erfolgreichen Facebook-Post vom Vortag selbst geteilt hätte, ernten wir nur entsetzte Blicke. Nein, man habe – tolles Video übrigens! – selbstverständlich einen privaten Facebook-Account und würde die Aktivitäten der Galerie täglich verfolgen, aber man würde die Galerie-„Posts“ doch auf gar keinen Fall selbst „liken“ oder gar teilen. Uns stockt dann regelrecht der Atmen.

 

Eine solche Trennung der digitalen Welten ist uns völlig fremd. Klar, uns stellt die eine oder anderen Facebook-Freundschaftsanfrage von weniger geliebten Kollegen regelmäßig vor heftige moralische Konflikte; zugleich fremdeln wir mit beruflichen Online-Netzwerken wie Xing und LinkedIn, obwohl wir vermutlich zu ihren Top-Zielgruppen ghören: jung, unterbezahlt und im Zweifel wechselwillig. Aber bei Xing und LinkedIn sind ja nur Streber.

Nach derartigen Gesprächen rollen wir innerlich mit den Augen und gehen uns schweigend eine Club Mate im Späti gegenüber holen. Die brauchen wir als Stärkung, um in den nächsten Stunden auf den Schnappschüssen von der gestrigen Vernissage die Falten aus dem Gesicht des besagten Galeristen zu retuschieren. Vielleicht malen wir dem alten Zausel aber auch einen Hipster-Bart und stellen dieses Bild auf unsern privaten Tumblr-Blog. Mal sehen. Und dann war da ja noch diese Pressemitteilung zur Wiederwahl zum Vizevorsitzenden des örtlichen Galeristenverbandes, die wir „sharen“ sollten. Mal ernsthaft?

 

Viel lieber würden wir in einer Guerilla-Aktion das hochauflösende Digitalarchiv der Galerie zum kostenlosen Download ins Internet stellen. Genau so, wie es das Rijksmuseum in Amsterdam seit einigen Jahren tut. Anschließend würden wir unsere 3.570 digitalen Freunde einladen, die Fotos frei zu nutzen und weiter zu verarbeiten. Macht T-Shirts und Fototassen daraus! Bastelt Collagen, Kalender und Video-Games! Aber, um Gotteswillen, bringt die Kunst unter die Leute.

 

Und vielleicht kauft dann auch irgendwann jemand das Original an der kalkweiß getünchten Düsseldorfer Galeriewand, weil ein Besucher es zuvor als Postkarte in einem Souvenirladen gesehen hat. Das wäre eine Strategie. Aber bitte schlagt uns nie, nie wieder einen Flash-Mob als virale Marketing-Kampagne vor. Das ist so Generation X.

 

III. BRENNEN FÜRS BURNOUT

Ein Vorwurf, den sich unsere Generation im etablierten Kulturbetrieb oft anhören muss, lautet: „Für eine Karriere in der Kultur brennen Sie einfach nicht genug! Und mit Kindern können Sie das sowieso vergessen“. Dies bekommen wir zum Beispiel vom Intendanten zu hören, wenn wir am Freitagabend um achtzehn Uhr das Stadttheater verlassen, um unsere Kinder noch rechtzeitig von der Kita abzuholen. Die Frage, warum wir denn keine Nanny hätten, das wäre doch gar nicht so teuer, wie man denkt, lassen wir dann lieber unbeantwortet und eilen zu unserem alten Opel Corsa, den wir vor zehn Jahren von unserer Oma zum Abitur geschenkt bekommen haben. 

 

Auf der Heimfahrt denken wir uns heimlich, dass es absolut niemanden stören würde, wenn man in der Spielzeit vielleicht statt 13 nur 12 Premieren ansetzen würden. Die Zahl 13 bringt doch eh nur Unglück. Und das würde gar keiner merken und alle würden sich freuen. Die gesamte Belegschaft, die in diesen letzten Fürstenhöfen des europäischen Kontinents geknechtet werden, könnte einfach wieder einmal kurz durchatmen. Nur neben dem Intendanten wäre vor allem eine weitere Gruppe schwer enttäuscht: Seine „Buddies“, die mit einem weiteren Regie-Auftrag zur fünften „Hedda Gabler“ der Stadttheater-Karriere das Ferienhaus im Tessin abzahlen wollen.

 

Viele werfen uns vor, wir hätten keine Ideale. Doch wir glauben an die viel geschmähte „Work-Live-Balance“. Wirklich, das tun wir. Wir wollen Kinder und wir wollen gemeinsam mit unseren Partnern erleben, wie sie groß werden. Und, nein, wir wollen nicht das Leben unserer Chefs: mit Mitte fünfzig zweifach geschieden, kinderlos und heute ein überzeugter Junggeselle, der zusammen mit seinen Artgenossen seine Nächte in der Charlottenburger „Paris Bar“ verbringt. 

Wir erleben tagtäglich, wie unsere Chefs längt selbst ausgebrannt sind und das eigene „Burn-Out“ als Trophäe vor sich hertragen als (noch) lebender Beweis, dass zumindest sie für die Kunst brennen. Unsere Chefs können nicht loslassen, trotz guten finanziellen Polstern, denn wenn sie jetzt einfach gingen, fielen sie ins Nichts. Denn da ist ja niemand, keine Familie, keine Kinder und jenseits des Berufs keine Freunde, die einen auffangen könnten. Und daher muss sich für diese Menschen das Kulturkarussell um die eigene Person immer weiter und weiter drehen. Das prahlerische Credo „Man wird mich hier mit den Füßen zuerst hinaustragen!“ verstehen wir als persönliche Drohung.

Wir hingegen sind der festen Überzeugung, dass sich auch im Kulturbetrieb Familie und ein berufliches Fortkommen vereinbaren lassen, ja lassen müssen. Öffentliche Museen oder Theater haben oftmals gut und gerne über dreihundert Mitarbeiter, aber nicht einen einzigen Betriebskindergarten. Das wäre doch mal ein Gewerkschaftsthema!

 

An Theaterbühnen ist der Urlaub weiterhin vollständig in der Sommerpause zu nehmen, genau dann, wenn das Wetter auch daheim am schönsten und die Urlaubspreise nicht nur in der Ferne am höchsten sind. Dabei würden wir es vorziehen, zum Spielzeitende noch eine Woche das Liegengebliebene abzuarbeiten und dafür im kargen Februar in die dann preisgünstigere Mittelmeer-Sonne zu entfliehen. Sieben Tage Kreta oder Korfu würden reichen, um dem eigenen Ausbrennen vorzubeugen. Und was wäre so schlimm daran, wenn das Theater dann einfach einmal ein paar Tage zu wäre?

 

Nicht dass man uns falsch versteht: Wir sind nicht faul, sondern wir glauben an Effizienz. Ein Tag Home-Office in der Woche ist kein Zusatzurlaub, den man uns noch lange übelnehmen muss, sondern die Chance, die lange To-Do-Liste in Ruhe abzuarbeiten, vielleicht wenn man im Zug auf der Reise zu den Eltern in Süddeutschland sitzt, die man sowieso viel zu selten sieht. Und was die Erreichbarkeit rund um die Uhr angeht: Wir sind der Ansicht, dass es nach 19.00 Uhr nichts gibt, das so wichtig ist, dass es nicht bis zum nächsten Morgen oder gar bis zum nächsten Werktag warten kann. Vorher können wir eh nichts erreichen. Die besonders cleveren unter uns beisitzen inzwischen übrigens ein Zweittelefon, dessen Nummer nur der Chef hat. Ein ganz exklusive Hotline! Und dieses Telefon schalten wir manchmal ganz einfach aus. 

 

Und noch ein letzter gutgemeinter Ratschlag an alle übereifrigen Intendanten: Falls das Theater abbrennt, ruft bitte nicht uns an, sondern die Feuerwehr. Wir programmieren für Euch die Telefonnummer gerne auch in Euer Dienst-Smartphone ein. 

"Das Credo 'Mit den Füßen zuerst' verstehen wir als persönliche Drohung.".

 

IV. PUBLIKUMSBESCHIMPFUNG

„Dann kommen endlich auch mal wieder ein paar junge Menschen“ – diesen Satz hört man ältere Programmleiter gerne sagen, wenn die viel zu teure Werbeagentur die neuste Plakatkampagne vorgestellt hat. In dieser Kampagne werden Symphoniekonzerte wahlweise mit einer leicht bekleideten Pianistin oder mit markig-anbiederem Jugend-Slang beworben.

 

Dabei handelt es sich dann um nichts anderes als eine klassische Mogelpackung. Denn der geneigte Besucher, der vielleicht wirklich auf das provokant beworbene Konzert aufmerksam wurde, bekommt doch wieder nur ein angestaubtes Konzert serviert. Gern folgt dieses der bewährten Sandwich-Dramaturgie: Auf ein Werk von Rachmaninov folgt ein kurzer Alibi-Britten, man schließt versöhnlich mit Debussy. Mit den obligatorischen Zugaben der doch nicht ganz so etherisch wirkenden Frau am Klavier hat der jugendliche Erstbesucher dann fast drei Stunden auf harten Holzstühlen ausgeharrt. Zuvor hatte sich der Besuchernachwuchs in der Pause an den wenigen geöffneten Theken die Beine in den Bauch gestanden. Während er in einer langen Schlange aus Rollatoren und Krückstöcken fünfzehn Minuten auf ein überteuertes Glas Rotkäppchen-Sekt gewartet hatte, konnte er zumindest schon einmal seine schlechten Erlebnisse twittern und eine negative Bewertung bei Yelp abgegeben. Ob er wiederkommen wird? Wohl nur, wenn er wirklich masochistisch veranlagt ist. 

 

Ein weiterer beliebter Ansatz für eine Verjüngungskur des Publikums ist es, für einen Abend einen DJ in den heiligen Hallen auflegen zu lassen. Das muss dann aber bitte ein DJ mit Niveau sein – also entweder Lars Eidinger oder Vladimir Kaminer. Als ob künstlerische Kompetenz in einer Sparte eine Qualifikation in einer anderen begründet.

Fragt das unter großen Marketing-Aufwand angelockte Hipster-Publikum dann am Event-Abend das Aufsichtspersonal, wann denn das nächste Mal wieder „Party“ im Konzertsaal sei, so zuckt dieses irritiert mit den Schultern, schließlich handele es sich bei dieser „DJ-Night mit swag“ um ein „Once-in-a-lifetime-event“. Aber so werden die jungen Gäste eben auch zu „Once-in-a-lifetime-Besuchern“. Das Kernangebot – klassische Musik – wurde dem sehnsüchtlichst umworbenen Publikum nicht adäquat näher gebracht.

 

Die Gier nach einem jüngeren Publikum geht einher mit der Verteuflung der älteren Besucher. Die Eltern-Generation, die uns Handkes „Publikumsbeschimpfung“ beschert hat, muss sich die Frage stellen lassen, was denn eigentlich so schlimm ist am „alten“ Publikum? Gilt nicht auch für sie das Credo „Kultur für alle“? Der sogenannte „Silbersee“ in klassischen Konzerten ist in der Tat unübersehbar. Aber das ist doch eine großartige Nachricht! Menschen mit viel Zeit und oft auch viel Geld kommen in Scharen in deutsche Kultureinrichtungen. Diese sollten sich einfach auf diese Kundschaft einstellen, anstatt sie mit merk- und fragwürdigen Werbekampagnen und Eventkonzepten vor den Kopf zu stoßen.

 

Das heißt dann einen behindertengerechten Zugang auch zu historischen Veranstaltungsorten zu schaffen, die Konzertsäle anständig auszuleuchten, das Konzert vielleicht etwas zu verkürzen und mehr Servicekräfte in den Pausen einzuplanen. Vielleicht gründet man auch eine „Altenakademie“, in der man selbst ein Instrument erlernen kann oder sich einfach zum Austausch über Musik trifft. Zu oft sind im Alter schließlich die Bezugspersonen, mit denen man früher Kultur geteilt hat, verloren gegangen. Und vielleicht sind dies ja auch alles Maßnahmen, die ein jüngeres Publikum ebenfalls erfreuen.

 

V. DIE EXIT-STRATEGIE

Unsere Generation verbindet der Gestaltungswille: Wir haben Ideen. Wir wollen mitreden und mitgestalten. Wir wollen anpacken und etwas aufbauen. Daher ist die größte Konkurrenz des etablierten Kulturbetriebs nicht etwas die freie Szene, sondern die sich allerorts ausbreitenden Start-Ups. Dort verdient man auch nicht mehr, aber der Kaffee soll zumindest besser sein. Wir hoffen auf fair-trade in jederlei Hinsicht!

 

Unsere älteren Geschwister waren verführt, den Sprung in die Unternehmensberatung zu wagen. Geld und Prestige lockten. Leicht verschämt haben wir zum Ende unseres Studiums dann auch an Recruiting-Challenges und Assessment-Centern teilgenommen. Und doch haben wir uns für die Kultur entschieden. Wenn wir schon sechzig Stunden in der Woche arbeiten sollen, dann für etwas Schönes. Dieser Zug, das wissen wir, ist längst abgefahren. Aber das Start-Up, das lockt noch immer. Da kann jeder anfangen, heißt es. Aber ob es wirklich besser ist? 

"Wir hoffen auf fair-trade in jederlei Hinsicht."

Bei YouTube gibt es ein Video, das Klaus Kinski zeigt, wie er bei Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ ausrastet und seinen Produktionsleiter Walter Sachser cholerisch anschreit. Die Inhalte dieses legendären Wutausbruches sind hier leider nicht zitierfähig. Dieses Video schauen wir uns immer dann an, wenn wir einen besonders düsteren Tag hatten. Wir haben große Bewunderung für die völlige Ruhe, die Sachser über sieben lange Minuten behält und identifizieren uns zudem mit dem Sprecher aus dem Off: „Ich arbeitete einfach (...) weiter“. Denn wir wissen: Irgendwann ist die Kinski-Generation nicht mehr im Amt. Und dann wir werden ihren Platz einnehmen und die Dinge endlich anders machen. Wenn wir durchhalten.

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