• Dr. Christopher Vorwerk

2.2 Eine leichte Dame

Aktualisiert: 23. Okt 2018


Glücksspiel für Fortgeschrittene


Eine weitere wichtige Säule des deutschen Fundraising für die Kultur ist das Schreiben von Förderanträgen, meistens auf Basis von Ausschreibungen. Für viele Kulturorganisationen ist dies auch oftmals die vielversprechendste Form der Drittmittelakquise, denn eine Ausschüttung von Mitteln ist garantiert – man muss eben halt nur den Zuschlag erhalten. Ein wenig ist das aber doch wie Lotteriespielen und in der Tat stammen viele dieser Fördermittel aus Verpflichtungen der deutschen Klassenlotterie zur Kulturförderung. Aber wie beim Glückspiel sollte auch hier eine gewisse Vorsicht geboten sein.


Die deutsche Stiftungslandschaft


Spätestens mit der prominenten Gründung der Kulturstiftung des Bundes im Jahr 1998 durch die erste und bislang auch einzige rot-grüne Bundesregierung ist das Thema Antragsmanagement auch einer breiteren Kulturöffentlichkeit vertraut. Neben den öffentlichen Stiftungen und Förderfonds auf kommunaler, Landes- und Bundesebene hat längst eine Vielzahl der großen deutschen Unternehmen kulturfördernde Stiftungen errichtet.


So gibt es, teilweise mit jahrzehntelanger Tradition, etwa die Bertelsmann Stiftung, die Allianz Kulturstiftung, die Hertie Stiftung, die Mercator Stiftung und einige mehr. Hinzukommen außerdem unendlich viele kleinere Stiftungen von privaten Stifterinnen und Stiftern, die immerhin noch Fördersummen im niedrigen vierstelligen Bereich pro Projekt ausschütten können.


Interessanterweise habe sich Internet-Millionäre bislang in ihrem Engagement kaum dem Themen von Kunst und Kultur angenommen, anders als die Stahl- und Eisenbahnbarone des 19. Jahrhunderts auf beiden Seiten des Atlantiks. Um diese Tafelrunde der Geldgeber herum hat sich heute ein ganzes Biotop aus Fördermittelberatern und -agenturen entwickelt, die Kultureinrichtungen bei der Antragsstellung unter die Arme greifen – natürlich gegen das entsprechende Entgelt.


Die nicht-so-versteckte Agenda


Auf den ersten Blick scheint das eine gute und löbliche Entwicklung zu sein. Aber man muss sich bewusst sein, dass hinter diesen Fördertöpfen und ihren Finanziers stets eine bestimmte gesellschaftliche oder gar politische Agenda steckt. Denn die Vergabe dieser Mittel ist in fast allen Fällen an bestimmte Bedingungen verknüpft. So müssen förderungswürdige Projekte etwa der europäischen Integration (Allianz Kulturstiftung), der Etablierung von Kultureller Bildung in Schulen (Hertie Stiftung) oder auch der musikalischen Früherziehung (Bertelsmann Stiftung) dienen.


Die Förderschwerpunkte wechseln damit meist leicht zeitversetzt mit den aktuellen gesellschaftlichen Debatten. Zuletzt waren Projekte zum Thema „Dialog mit dem Islam“, „Austausch mit der Mittelmeerregion“ oder der „Integration von Flüchtlingen“ en vogue. Und sicher ist auch, dass die Fördermittelkarawane in einigen Jahren weiterziehen und auf das nächste gesellschaftliche Thema aufsatteln wird. Meine Prognose: Förderfonds zu den Themen „Frauenförderung“, „Ausstieg aus dem Rechtspopulismus“ sowie „Einsamkeit im Alter“. Das ist alles gut und richtig und vermutlich auch sinnvoll, aber als Kultureinrichtung sollte man mit Bedacht vorgehen und sich nicht von seiner Kernmission ablenken lassen.


Literarischer Allesfresser


Es gibt Kultureinrichtungen, die sind – oder fühlen sich – abhängig von Drittmittelzuwendungen von derartigen Förderstiftungen und öffentlichen Fonds. Das Internationale Literaturfestival in Berlin ist so ein Fall. Wer das jährliche Programmheft aufschlägt, findet auf einer der Umschlagseiten stets die sogenannte „Logo-Wüste“, also eine Ansammlung der Logos aller Partner des Festivals, darunter zahlreiche Stiftungen und öffentliche Zuwendungsgeber.


Die jährliche Grundförderung durch den Hauptstadtkulturfonds, bis zur Verdopplung im Jahr 2017 immerhin schon bereits stolze 300.000 Euro, reicht kaum aus für den Grundbetrieb des Festivals. Also beantragt man jedes Jahr aufs Neue für Lesungen und Literaturprojekte landein, landaus und auch über die Landesgrenzen hinweg Drittmittel – und das in der Tat mit beachtlichem Erfolg.


Doch dabei läuft man Gefahr, sich zu verbiegen und in Richtungen zu laufen, die vielleicht gar nicht so gut sind für die Erfüllung des eigentlichen Zwecks des Festivals. In jenem Jahr, in dem ich als Finanzleiter für die Akquise verantwortlich war, wurde plötzlich eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst aus China präsentiert. Vermutlich gab es damals dafür Fördermittel. In der gleichen Ausgabe spannte man mit der Unterstützung der Allianz Kulturstiftung einen „Literarischen Rettungsschirm für Europa“ mit Diskussionsrunden und einem Jugendprogramm. Wie diese Potpourri am Ende ein rundes Ganzen ergeben sollte, blieb mir bis zum Schluss schleierhaft.


Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten


Dabei weiß doch jeder, dass die adrette Dame, die käuflich ist, schnell ihre Ehre verliert. Für ein Festival mag so ein Vorgehen nachvollziehbar sein und gerade ein Festival eignet sich gut dazu, aktuelle gesellschaftliche Impulse aufzugreifen, zu präsentieren und zu reflektieren. Langfristig ist eine strategische Konzentration auf den eigentlichen Sinn und Zweck einer Kultureinrichtung, also ihre Mission, sicherlich sinnvoller. Denn sonst opfert sich auch ein ach so aktuelles Literaturfestival einer inhaltlichen Beliebigkeit und droht, zu einem bunten Jahrmarkt der Eitelkeiten von Fördermittelgebern zu mutieren. So viel also zur sogenannten „freien“ Szene.

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