• Dr. Christopher Vorwerk

3. Intro: Gut gemeint reicht nicht aus

Aktualisiert: 23. Okt 2018


Die Geister, die wir riefen


Kulturvermittlung – oder heute neudeutsch und mit einem höheren Geltungsanspruch ausgestattet auch „Audience Development“ genannt – ist eines der großen Schlagworte der vergangenen Jahre und das nicht nur im Kulturmanagement, denn auch die deutsche Kulturpolitik beschwört seit langem die Vermittlung von Kunst und Kultur als wichtige Aufgabe öffentlicher Kultureinrichtungen. Doch trotz dieser allgegenwärtigen Beschwörungen sind die entsprechenden Abteilungen ganz offensichtlich noch immer die mit Abstand am schlechtesten ausgestatteten Bereiche der hiesigen Kulturinstitutionen.


Will man die Massen – oder auch nur einen einzelnen Menschen – an Kunst und Kultur heranführen, so muss man Ihnen zunächst die allgemeinen Regeln und Gepflogenheiten der entsprechenden Tempel vermitteln. Denn in der Tat ist es so, dass, wenn man die Massen in die Museen und Theater dieses Landes schicken würde, die meisten Menschen wohl ziemlich hilflos wären. Ziemlich ähnlich ginge es ihnen aber vermutlich beim Besuch eines christlichen Gottesdienstes.


Der doppelte Hürdenlauf


Die erste Hürde beim Kulturbesuch wäre dabei noch nicht einmal das Verständnis der gezeigten Kunst, sondern die allgemeinen Verhaltens- und Spielregeln als solche. Denn der westliche Kulturbetrieb – und der deutsche in seiner spezifischen Ausprägung – ist auf ganz spezielle Art und Weise codiert. Das heißt, es herrschen gewisse Verhaltensregeln vor: In der Oper und im Theater wird im Zuschauerraum nicht gegessen oder getrunken und wenn der Dirigent den Saal betritt, (was man übrigens überhaupt nur auf den teuersten Sitzplätze sehen kann), wird brav applaudiert. In klassischen Konzerten wird außerdem nur am Ende eines Satzes applaudiert, jedoch nicht zwischendurch.


Man mag denken, dass sei überall auf der Welt so. Weit gefehlt. In den USA gibt es beispielsweise, nachdem der Vorhang gefallen ist, üblicherweise nur einziges Mal Applaus, und eine Zugabe – im deutschen Konzertwesen fast immer eine feste Größe – wird nur in außergewöhnlichen Fällen gewährt.


Allein diese einfachen Beispiele zeigen, welche „Fehltritte“ ein Unwissender in deutschen Kulturtempeln begehen könnte. Als Stammbesucher können wir diese Faux pas regelmäßig bei Vorstellungen mit größeren Kinder- und Jugendgruppen erleben. Diese Schülergruppen sollten uns eine lebendige Erinnerung sein, welchen merkwürdigen Zwängen wir uns doch immer wieder freiwillig unterwerfen. Ein Grund mehr, das nächste Mal mit zerrissener Jeans zur Premiere zu kommen!


Audioguides und Einführungsvorträge ist das schon alles?


Ist aber dann die erste Hürde des angemessenen Verhaltens genommen, geht es im zweiten Schritt um die Vermittlung von Inhalten. Die ganz offensichtlich am weitesten verbreiteten Formen der Kulturvermittlung sind bei unseren Bühnen (meist kostenlose) Einführungsvorträge vor dem Beginn einer Vorstellung und in Museen (oftmals kostenpflichtige) Audioguides.


Diese beiden Formate können inhaltlich und didaktisch jeweils von ganz unterschiedlicher Qualität sein. Schlimmstenfalls wird bei einer Einführung ein schlecht geschriebener Vortrag von einer Hospitantin vom Blatt abgelesen, die diesen selbst ganz offensichtlich zum ersten Mal zur Kenntnis nimmt, und bei einem Audioguide wird von einem Amateursprecher einfach mehr oder weniger ein biographischer Wikipedia-Eintrag über den Künstler zum besten gegeben. Das kann es doch nicht gewesen sein!

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