• Dr. Christopher Vorwerk

3.1 Mensch vs. Maschine

Aktualisiert: 23. Okt 2018


Vermittlung ist stets nur so gut wie die Kuration


Eine unzulängliche Vermittlungsarbeit entlarvt meist lediglich die mangelhafte kuratorische Konzeption eines Kulturangebots. Wer als Kurator oder Dramaturg, der ja die inhaltliche Grundlage für eine Vermittlung eines Kunstwerks zur Verfügung stellen muss, nicht schlüssig erklären kann, warum etwa ein Theaterstück an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt genau so und nicht anders inszeniert wurde, oder warum eine Ausstellung gerade diese Reihe von Exponaten so und nicht anders zusammenführt, der macht seinen Job schlichtweg unzureichend. Die vielerorts (im doppelten Sinne) engagierten Kulturvermittler haben dann meist keine andere Chance mehr, als Belanglosigkeiten zu wiederholen, egal wie gut sie didaktisch auch geschult sein mögen.


Das Ärgernis fängt dabei oft schon im Kleinen an. Denn trotz der großen Bekenntnisse zur Kulturvermittlung mangelt es gerade in Ausstellungen an ein Mindestmaß an nützlichen Zusatzinformationen. Werkbeschriftungen selbst in großen Häusern wie der Berlinischen Galerie kommen über die Angaben zum Titel und Urheber nicht hinaus. Genauso ärgerlicher ist es, wenn, wie unlängst bei der Ausstellung „Wanderlust“ in der Alten Nationalgalerie, im weiteren Erklärungstext lediglich das dargestellte – realistisch gehaltene – Motiv beschrieben wird.


Wohlfühl-Wellness auf der Documenta


Die darüber hinaus reichende völlige Beliebigkeit von Programm und Vermittlungsarbeit wurde unlängst 2017 auf der Documenta in Kassel zum Besten gegeben. Nachdem diese jedes Mal wieder weltweit beachtete Kulturausstellung ja bereits inhaltlich nicht gerade mit besonderer Tiefe aufgefallen war, wurde das Vermittlungsprogramm zum allgemeinen Gespött der Kunstwelt.


Die dortigen Führungen durch die Ausstellungen wurden als „Spaziergänge“ bezeichnet. Und das waren sie auch. Denn anscheinend hat man es bei den Guides nicht mit Experten, sondern reinen Begleitern zu tun. Anstatt Inhalte und Kontexte zu vermitteln, wurden die Teilnehmer der Spaziergänge vor allem nach ihren eigenen Interpretationen und Eindrücke gefragt. Eine einfache Methode, die aber nicht weiterführt. Ein kurzes „Alles richtig!“ des Guides bestätigte lediglich die eigene Subjektivität – und weiter ging es zum nächsten Objekt. Vermitteln tut sich bei dieser Form der alternativen Wohlfühlpädagogik nichts. Kaschiert wurde diese schlichte Einfalt durch das pseudo-akademische Motto „Unlearn“.


Dabei wurde das große Bedürfnis von Kulturrezipienten nach einem Dialog mit Experten bereits vor Jahren längst erkannt. Halbwegs kompetente Ansprechpartner in Ausstellungen vor Ort zu platzieren, ist ein Ansatz, der sich in Deutschland spätestens durch die „Momanzier“ eine Zeit lang weit verbreitet hatte, die in der legendären „Moma in Berlin“-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie als kündige Auskunftsgeber anzutreffen waren. Die Deutsche Bank Kunsthalle Unter den Linden griff dieses Konzept anschließend auf und platzierte in ihren Ausstellungen entsprechenden Dialogpartner.


Kulturvermittlung braucht Profis mit Herz und Hirn


Auch hier steht und fällt die Qualität der Vermittlung mit der Kompetenz der jeweiligen Kulturvermittler – und der gewissen Prise Sympathie. Können die meist jungen Damen und Herren schlicht nur auswendig gelerntes Wikipedia-Wissen wiedergeben, lässt sich dies einfacher und schneller von einer Texttafel oder vom eigenen Smartphone ablesen. Dann ist der Mensch nicht besser als die Maschine.


Kulturvermittlung didaktisch adäquat und darüber hinaus noch raffiniert – denn niemand mag belehrt werden – zu gestalten, scheint doch eine Kunst für sich zu sein. Besonders talentierte und meist entsprechend ausgebildete Vermittler verwickeln die Besucher äußerst charmant und zielgerichtet in eine erkenntnisreiche Konservation.


Nun ist es leider ein Ding der Unmöglichkeit, jedem Kulturbesucher einen kompetenten Begleiter als Dialogpartner zur Seite zu stellen. Denn allein die personellen Kapazitäten für eine solche Maßnahme würden die Budgets sämtlicher Kultureinrichtungen sprengen. Außerdem würde es vermutlich schwierig werden, überhaupt genug qualifizierte Kräfte für dieses Tätigkeitsgebiet zu finden. Nur an wenigen Universitäten und Fachhochschulen wird eine entsprechende wissenschaftlich fundierte Ausbildung zum Kulturvermittler angeboten.


Ein Arbeitsfeld der Zukunft? Nur zusammen mit der Maschine


Denn das technologische Potential im Bereich der Kulturvermittlung ist enorm. Die eingangs erwähnte Hospitantin oder auch Dramaturgin, die bei einer Stückeinführung einfach einen Text vom ausgedruckten DIN-A4-Zettel abliest, wird es aller Voraussicht nach in dieser Form schon bald nicht mehr geben.


Der reine Vortragsteil ihrer Aufgaben wird durch die zunehmende Technologisierung ersetzt werden: Zukünftig wird vermutlich in einem Video ein Avatar einen vorgegebenen Text vortragen – und das mit Hilfe innovativer Übersetzungsprogramme in jeder beliebigen Sprache. Wie der Avatar aussieht, das kann sich jeder Nutzer dann selbst aussuchen.


Dieses vorproduzierte Video kann man sich dann in der Kultureinrichtung vor Ort oder aber auf dem privaten Endgerät von Zuhause oder von unterwegs aus anschauen. Eine Vorstufe hierzu sind etwa die „Einführungsvideos“, die mittlerweile am Staatsballett Berlin und auch an anderen Häusern entwickelt wurden. Diese kurzen Clips bieten, teilweise unterlegt mit Videosequenzen aus der jeweiligen Inszenierung, vertiefte Hintergrundinformationen zu den einzelnen Produktionen an. Einmal erstellt, können diese Videos ohne weitere Personalkosten im wieder eingesetzt werden.


Anstatt Vortragskünste werden von Dramaturgen dann zukünftig bewegtbildbasierte Didaktikkenntnisse verlangt. Ein Dramaturg muss dann nicht nur inhaltlicher Experte, sondern gleichzeitig auch Pädagoge, Mediengestalter und Videoproduzent sein. Nur Schauspieler und Vorleser, das muss er dann nicht mehr sei.

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