• Dr. Christopher Vorwerk

2.5 New business, new money

Aktualisiert: 23. Okt 2018


Fundraising einmal anders gedacht


Fundraising hat zum Ziel, zusätzliche Einnahmen für einen Kulturbetrieb zu erzielen. Dies lässt sich aber auch einmal anders und neu denken: Welche weiteren Geschäftsfelder lassen sich denn für eine Kultureinrichtung durch neue Technologien erschließen? Denn gerade hier bieten die Digitalisierung und das Internet für Kulturorganisationen aller Art und Größe enorme Potentiale.


Prominentes Beispiel für die Erschließung neuer Geschäftsfelder im Internet sind die Berliner Philharmoniker, die mit ihrer „Digital Concert Hall“ ein eigenes Start-Up gegründet haben. Seit nun schon einigen Jahren werden die begehrten Konzerte der Philharmoniker im Internet übertragen, live und als Mitschnitt. So werden die Konzertprogramme zugänglich für Menschen gemacht, die von Zuhause aus mithören und zusehen – und zwar auf der ganzen Welt. Das Geschäftsprinzip basiert im Wesentlichen auf einem Abonnement-Modell, das über die Zeit die erheblichen Anfangsinvestitionen für die Übertragungstechnik und die Online-Plattform wieder einspielen muss.


Eine vergleichbare Erweiterung ihres Geschäftsmodells hat auch das Royal Opera House in London vorgenommen. Regelmäßig werden deren Opern- und Ballettaufführungen live in Kinos auf dem ganzen Globus übertragen. Doch anders als die Berliner Philharmoniker benötigt das Royal Opera House dazu ein Netz aus Kinobetreibern als wichtigen Distributionspartner.


Vorsicht vor der eigenen Kanabalisierung


Die beiden Beispiele aus Berlin und London zeigen, dass Kultureinrichtungen durch die Digitalisierung neue Einnahmenquellen erschließen können, in deren Mittelpunkt ihr Kernangebot steht und nicht etwa durch Merchandising, das oftmals im gleichen Atemzug wie Fundraising genannt wird, wenn wieder über eine mögliche Einnahmensteigerung von Kulturbetrieben debattiert wird. Die Zeit wird zeigen, ob beide Modelle wirklich auf Dauer profitabel sein werden. Ob sie in Deutschland Schule machen können, ist meiner Einschätzung nach aktuell eher fraglich.


Hier stellt zwar etwa die Komische Oper in Berlin ihre Premieren als Livestream ins Internet, jedoch ist deren Abruf für die Nutzerinnen und Nutzer kostenlos. Das auch kulturpolitisch verfolgte Ziel, durch die Übertragung mehr Menschen zu erreichen, ist edel. Aber es ist zu vermuten, dass hier wiederum nur das Kernpublikum zuschaut, dieses Mal eben ganz bequem vom eigenen Sofa aus. Diese Menschen sparen sich auf diesem Weg die Eintrittskarten und die Oper bleibt auf den Zusatzkosten für die Übertragung sitzen, kann aber schön ihre Zuschauerzahlen für die Jahresbilanz frisieren.


Dabei stelle man sich aber einmal das Potential vor, wenn man in einem (dann kostenpflichtigen) Online-Abonnement nicht nur die Premieren der Komischen Oper abrufen könnte, sondern die von allen Berliner Bühnen. Wie bei der im Beitrag "Wer hat Angst vor Big Data" dargestellten Auswertung der Ticketverkäufe im Rahmen eines CRM-Systems gilt auch hier: Big Data heißt auch „Think Big!“.


Museum meets Start-Up


Aber nicht nur die etablierten Big Player unter den Kultureinrichtungen könnten das digitale Potential zur Erwirtschaftung von zusätzlichen Einnahmen nutzen. Das im Herbst 2017 in Berlin-Schöneberg eröffnete Urban Nation Museum, das sich als innovatives Museum für Street Art mitunter selbst ein Start-Up versteht, nimmt keinen Eintritt und ist somit auf Zuwendungen Dritter angewiesen. Zugleich erfreut es sich äußerst guter Besuchszahlen.


Eine der häufigsten Fragen der Besucherinnen und Besucher ist, interessanterweise ob man die Werke kaufen könne. Hier sollte man nicht arrogant die Nase rümpfen und darauf verweisen, dass man ja schließlich ein Museum und keine Galerie sei. Cleverer wäre es, die ausgestellten Werke in einem Museumshop als hochwertige Drucke zu verkaufen. Oder gar im Internet auf der Museumswebseite kostenpflichtig zum Selbstausdrucken zur Verfügung zu stellen.


Wenn man hier die Infrastruktur nicht selbst zur Verfügung stellen kann oder möchte, ließe sich einen Kooperation abschließen, etwa mit Anbietern wie dem Online-Shop Junique, der erfolgreich im Internet Poster vertreibt. Und über eine finanzielle Beteiligung an den Erlösen würden sich sicherlich wiederum auch die Urheber der Werke, also die Künstlerinnen und Künstler, freuen. Sollte eigentlich eine Win-Win-Situation für alle sein. Also einfach machen!


Ein Choreograph als gewiefter Geschäftsmann


Geschäftlich umtriebig ist auch der Choreograph Benjamin Millepied, der zunächst einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde, weil er nicht nur die Choreographie zum Blockbuster „Black Swan“ beisteuerte, sondern auch, weil er dessen Hauptdarstellerin Natalie Portman heiratete, und der später in Fachkreisen für Aufregung sorgte, als er nur nach einem Jahr die Intendanz des legendären Pariser Balletts niederlegte. Heute leitet er seine eigene Truppe, das „Los Angeles Dance Project“ in der gleichnamigen Metropole an der amerikanischen Westküste.


Mit seiner als LADP abgekürzten Compagnie hat er in Kooperation mit der Werbeagentur BETC LA das „LA Dance Workout“ entwickelt, einem Online-Angebot mit tanzbasierten Fitnessvideos im Abonnement-Model. Die wohlgeformten Mitglieder der Tanztruppe zeigen vor wunderschöner Kulisse in kurzen Videos ballettbasierte Fitnessübungen zum Nachmachen. Typisch Kalifornien, will man meinen.


Neu ist die Idee, Tanz und Fitness miteinander zu verbinden, jedoch nicht. Innovativ ist aber durchaus, dass der Online-Tanz-Fitness-Center – wie die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker – ein direktes unternehmerisches Spin-Off der Ballettcompagnie ist und nicht etwa ein einmalige Kooperation mit einer bestehenden Sportmarke.


Ich kaufe mir einen Künstler im Abonnement


Ein weiteres Projekt von Millepied versucht gar, ein gänzlich neues Modell der Kulturfinanzierung zu etablieren. Auf der mit zwei weiteren Partnern initiierten Online-Plattform „Artform“ können Fans Künstler und Kultureinrichtungen mit einem monatlichen Beitrag ab einem Dollar unterstützen, dafür erhalten sie exklusive Einblicke in den Arbeit, digital und analog.


Anders als bei klassischen Crowdfunding-Plattformen geht es hier nicht um die Förderung eines einmaligen Projekts, sondern um eine dauerhafte Unterstützung eines künstlerischen Schaffens im Abo-Modell. Unter den beteiligten Künstlern finden sich wiederum Mitglieder von Millepieds Tanzcompagnie.


Ob sich das Modell, das zugleich an eine Art digitalen Freundeskreis erinnert, insgesamt wird durchsetzen können, ist abzuwarten, stellt es doch gänzlich neue Anforderungen an die beteiligten Künstler, die nun in steter Regelmäßigkeit eine Gegenleistung erbringen und sich somit plötzlich als Dienstleister für ein Publikum verstehen müssen. Aber vielleicht ist das für eine neue Generation an Kreativen bereits längst eine Selbstverständlichkeit.

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