• Dr. Christopher Vorwerk

3.4 Selfies und Selfmarketing

Aktualisiert: 23. Okt 2018


Die Aura der Unmittelbarkeit


Die effektivste und beeindruckendste Form der Kulturvermittlung wird mit Sicherheit weiterhin die unmittelbare Begegnung mit Künstlerinnen und Künstler bleiben. Die Videoaufnahmen zu den legendären Vermittlungskonzerten eines Leonard Bernsteins sind vermutlich nur halb so eindrucksvoll wie die seltene Chance, damals wirklich live dabei gewesen zu sein. Die Aura des Moments und die Unmittelbarkeit des Dialogs zwischen Impresario und Publikum können durch Technologie wohl kaum nachgeahmt oder auch nur im Ansatz erreicht werden.


Dennoch sind es auch heute in den virtuellen Welten Künstler, die ihren aktiven Teil zur Kulturvermittlung beitragen. Die Grenzen zum (Selbst-)Marketing sind dabei oftmals fließend. Vielen Balletttänzerinnen kann man heute bereits bei Instagram folgen.


Tanzend durch die Social Media


Die Erste Solistin des Staatsballetts Berlin Iana Salenko, eher eine lokale Größe, hat dort etwa 247.000 Follower. Das sind doppelt so viele Menschen wie das Staatsballett im Jahr an Zuschauern hat. Damit hat sie auf der digitalen Bühne ihre frühere Kollegin Polina Semionova, die mittlerweile ein Weltstar ist und auf 93.200 Follower kommt, längst locker hinter sich gelassen. Das Profil von Anna Netrebko, die vermutlich bekanntest lebende Opernsängerin der Welt, verfolgen auf derselben Plattform aktuell 367.000 Personen.


Die dabei von Künstlern verfolgten Strategien sind ganz unterschiedlicher Natur. Neben einigen privaten Aufnahmen erhält man bei den meisten Künstlern aber in der Regel vielfältige Einblicke in das Leben hinter den Kulissen. Dabei werden mitunter auch die harten Seiten des Künstlerlebens gezeigt, wenn Schweiß und blaue Flecken in Großaufnahme für alle sichtbar ins Internet gestellt werden.


Auch das kann Kulturvermittlung sein und zeigt ein ehrlicheres Bild vom künstlerischen Schaffen als es das Hochglanz-Marketing großer Einrichtungen zu zeigen bereit ist. Live-Streams und Q&A-Sessions geben zudem einmalige Interaktionsmöglichkeiten für alle Fans, ihrem Star ganz nah zu kommen.


Neue Medien, neue Regeln


Für Kultureinrichtungen ist die digitale Omnipräsenz ihrer Künstlerinnen und Künstler aber mitunter eine Herausforderung. Wieder stehen hier Bild- und Tonrechte Dritter im Mittelpunkt, wenn nicht nur der eigene verschwitze Kopf oder geschundene Fuß gezeigt wird. Und bei diesen ungeschönten Aufnahmen muss sich eine Kulturinstitution fragen, ob sie derartige Bilder und das damit verbundene Image nach außen vermitteln will. Doch hier kann man weitestgehend entspannt bleiben. Denn wenn ein Motiv in den sozialen Medien kein Erfolg hat, wird es wieder verschwinden. Das digitale System reguliert sich also von selbst.


Abschließend sei erwähnt: Während meiner Zeit am Staatsballett Berlin war es übrigens ein international sehr erfolgreicher Choreograph, der im Internet selbst äußerst aktiv ist, der es vertraglich untersagen wollte, dass die Tänzerinnen und Tänzer Fotos oder Videos aus seinen Proben online posten. So viel zur schönen neuen Welt.

12 Ansichten
  • Schwarz LinkedIn Icon

Dr. Christopher Vorwerk - © 2020 Berlin - Datenschutz