• Dr. Christopher Vorwerk

2. Intro: Die Taube auf dem Dach

Aktualisiert: 23. Okt 2018


Privates Geld muss her!


Neben dem Marketing ist das Fundraising der zweite organisatorische Bereich, der in vielen deutschen Kultureinrichtungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen enormen Bedeutungszuwachs und damit auch personellen Ausbau erfahren hat. Ausgelöst wurde diese Entwicklung durch die tiefe Krise der öffentlichen Haushalte zur Jahrtausendwende, im Zuge derer viele Kulturinstitutionen im ganzen Land aufgefordert waren, sich zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen.


Doch selbst bei aktuell wieder sprudelnden Steuereinnahmen und wachsenden Kulturetats reichen die Zuwächse meist gerade einmal dazu aus, die Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst auszugleichen. Kulturpolitiker allerorts sind daher schon vor einiger Zeit zu dem Schluss gekommen: Privates Geld muss her!


Der trügerische Blick über den Atlantik


Vorbild für ein professionelles Fundraising, ob in der Kultur oder anderswo, sind meistens die USA, wo Kultureinrichtungen jenseits des kommerziellen Broadways in erster Linie von Spendengeldern reicher Mäzene sowie von Zuwendungen durch unternehmerisches Sponsoring leben. So lautet zumindest die allgemeine Auffassung. Dass diesen Finanzströmen jedoch ein weitgehend von Deutschland differierendes Gesellschafts- und insbesondere Steuermodell zugrunde liegt, wird gerne ausgeklammert, wenn wieder lautstark eingefordert wird, dass deutsche Kulturbetriebe dringend ihre Eigeneinnahmen steigern müssten – liegen diese doch in der Tat meist bei unter zwanzig Prozent.


Und dennoch finden an diesem Ziel angelehnte Vorgaben offensichtlich immer häufiger Eingang in die Verträge von Intendanten, Direktoren und Geschäftsführern deutscher Kultureinrichtungen und entsprechende Aktivitäten werden daher in vielen Institutionen aktiv vorangetrieben.


Der Nachbar hat es einfacher besser – das Beispiel Freundeskreise


Doch das Schielen auf vermeintliche „Best practices“, ob in den USA oder anderswo, ist aus meiner Erfahrung eines der größten Hemmnisse für ein erfolgreiches Fundraising in der Kultur. In welcher Kultureinrichtung ich auch tätig gewesen bin, stets wurde zum Beispiel das eine immer gleiche Vorbild für die eigenen Fundraising-Aktivitäten angeführt: der Freundeskreis der Neuen Nationalgalerie. So einen Freundeskreis müsste man haben!


Die Bilanz des Freundeskreises der Neuen Nationalgalerie ist zugegebenermaßen durchaus beeindruckend. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Freunde und Förderer jenes berühmten Tempels der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts Kunstwerke im Wert von über 50 Millionen Euro erworben. Auch werden durch das Engagement der Freunde und Mäzene Blockbuster-Ausstellungen wie die legendäre Präsentation des „MoMa in Berlin“ ermöglicht. Welcher Intendant und Museumsdirektor träumt also nicht von einem solch pflegeleicht anmutenden Goldesel, der fast von alleine große Geldbeträge an der Pforte abliefert?


Außer Spesen nichts gewesen


Dementsprechend wird dann danach geschielt, welche Prominenten und Politiker in welchen Freundeskreisen Mitglied sind. Hier liegt im Berliner Raum interessanterweise der Freundeskreis der Deutschen Oper vorne, dessen Vorstand unter anderem der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble angehört. Wenn wir doch auch nur solche Persönlichkeiten in unseren Reihen hätten, heißt es dann – dabei gilt Wolfgang Schäuble noch nicht mal gerade als besonders spendabel.


Infolge werden in mühseliger Kleinarbeit lange Einladungsverteiler erstellt und an die örtlichen Promis blind Einladungen zu VIP-Empfängen, Vernissagen und Saisoneröffnungen versendet – mit meist magerem Resultat, bei dem oftmals allein die Kosten für das Catering die Einnahmen der Veranstaltung bei weitem übersteigen. Es muss doch anders gehen!?

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